Plötzlich Unternehmer

Als das sklerotische politische und wirtschaftliche System der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im November 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer zusammenbrach, führte die Umstellung der Wirtschaft auf das marktwirtschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland zu beispiellosen Verwerfungen auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Volkswirtschaft. Nur wenige Monate zuvor, im August 1989, hatte der damalige Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Erich Honecker, den ersten in der DDR hergestellten 32-Bit-CPU-Computerchip vorgestellt und optimistisch erklärt, dass ‚der Lauf des Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten werden kann‘. Doch weder Honecker noch der 32-Bit-Chip hatten eine lange Zukunft vor sich: Honecker, dessen erzwungener Rücktritt im Oktober 1989 das Ende des ‚real existierenden Sozialismus‘ beschleunigte, starb 1994; der 32-Bit-Chip fand nicht einmal den Weg in die Serienproduktion.

Zusammenbruch der Volkswirtschaft

Die beschleunigte Entwicklung von Computerchips, Halbleitern und weiteren mikroelektronischen Komponenten in der DDR begann Ende der 1970er Jahre. Das Zentralkomitee der SED beschloss, massiv in die Entwicklung und Produktion von Mikroelektronik zu investieren, um den industriellen Sektor der Planwirtschaft zu modernisieren. Mit diesem sehr ehrgeizigen Programm wurde versucht, die Produktivitätslücke nicht nur im Elektroniksektor, sondern auch in anderen Industriezweigen zu schließen. Es zielte darauf ab, die Produktionstechnologie zu einer Zeit zu verbessern, als die Mikroelektronik bereits die amerikanische und westeuropäische Wirtschaft ankurbelte. Das Ziel der politischen Elite der DDR schien vernünftig, denn die Volkswirtschaft der DDR litt unter einem Mangel an Arbeitskräften und häufig unter veralteten Maschinen.

Es wäre wesentlich billiger gewesen, diese Technologie zu importieren, als eine vollständige Entwicklung zu beginnen. Aufgrund eines 1950 von den USA initiierten Technologieembargos des CoCOM (Coordinating Committee for Multilateral Export Controls) hatten die DDR und andere Mitgliedsstaaten des Comecon (Council for Mutual Economic Assistance) jedoch keinen Zugang zu hochwertigen Computerchips. Eine kostspielige Eigenentwicklung war die einzige Möglichkeit, sich diese Art von Technologie zu beschaffen. Trotz enormer finanzieller Investitionen gelang es der DDR nie, den Weltmarktstandard zu erreichen. Im Jahr 1989, ein Jahrzehnt nach Beginn des Programms, lagen die Stückpreise der in der DDR produzierten Chips deutlich über den Weltmarktpreisen: Während ein 265KB-Chip in der DDR 534 Mark kostete, betrug der Weltmarktpreis eines vergleichbaren Chips nur 17 Mark. Der Marktanteil der DDR an der weltweiten Elektronikproduktion schrumpfte in den 1980er Jahren von 0,8 auf 0,4 %. O. Klenke, „Kampfauftrag Mikrochip. Rationalisierung und sozialer Konflikt in der DDR“, VSA Verlag, 2008. C. Schwartau, Elektrotechnische Industrie. in: J. Bethkenhagen, (Hrsg.), „DDR und Osteuropa. Wirtschaftssystem - Wirtschaftspolitik - Lebensstandard. Ein Handbuch“, Leske-Verlag + Budrich GmbH, 1981, S. 2.081. G. Kusch, et al. „Schlussbilanz - DDR. Fazit einer verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Duncker & Humblot, 1991. Gerhard Schürer, Leiter der Staatlichen Plankommission, bezeichnete das Bestreben, 40-60 % des Weltmarktsortiments an Computerchips zu produzieren, als ‚kommerziellen Wahnsinn‘.G. Schürer, „Gewagt und verloren. Eine deutsche Biographie“ Frankfurter Oder Editionen, 1996, S.138.

Solange die interne Nutzung und der geschützte Export in andere Comecon-Staaten möglich war, schlug sich dieser kommerzielle Wahnsinn nicht in den Bilanzen nieder. Doch sobald Ostdeutschland im Zuge der Wiedervereinigung 1990 Teil der Bundesrepublik Deutschland (BRD) wurde, musste sich seine Volkswirtschaft öffnen und wurde Teil des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR). Plötzlich war sie Teil der Weltwirtschaft, ohne Schutzzölle oder andere Maßnahmen, die die Schockwellen des Übergangs von einer Plan- zu einer zunehmend deregulierten Marktwirtschaft hätten mildern können.

Und diese Schockwellen waren enorm. Die Transformation Ostdeutschlands und seiner Volkswirtschaft stellte einen bedeutenden Strukturbruch dar, der zu wesentlichen Konsequenzen auf allen Ebenen des Wirtschaftssystems führte. Die Deindustrialisierung hatte erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung: 3.300.000 Industriearbeitsplätze schrumpften bis 1994 auf nur noch 660.000.C. Flockton, „Employment, Welfare Support and Income Distribution in East Germany.“ In: German Politics, 7(3), 1998, S.33-51: 35. H. Wiesenthal, „East Germany as a Unique Case of Societal Transformation: Main Characteristics and Emergent Misconceptions“. In: German Politics, 4(3), 1995, 49-74. Die Gesamtbeschäftigung in Ostdeutschland sank von fast 10 auf 6,5 Millionen (1989-1992), und die registrierte Arbeitslosenquote schnellte von Null auf 20 % hoch. Ehemals lebenslange Arbeitsplätze wurden plötzlich unsicher, und Ende 1992 arbeitete nur noch jede(r) zweite Ostdeutsche in demselben Unternehmen wie vor 1989.A. Goedicke, „Firms and Fortune. The consequences of privatization and reorganization“. In: M. Diewald, A. Goedicke und K. U. Mayer (Hrsg.), „After the Fall of the Wall. Life Courses in the Transformation of East Germany“, Stanford University Press, 2006, 106.

Zusammenbruch von Unternehmen

Ein klares Bild von der Dimension dieses Transformationsprozesses ergibt sich, wenn man die Betriebe und ihre Beschäftigten betrachtet. Ein sehr anschaulicher Fall ist das ehemalige VEB Werk für Fernsehelektronik (WF) in Ost-Berlin.Die Transformation des VEB WF ist Gegenstand des aktuellen Forschungsprojekts Transformation in Ostdeutschland am Beispiel des VEB Werk für Fernsehelektronik von Dominik Stegmayer am Research Center for the History of Transformations (RECET), Universität Wien. Als Teil des riesigen DDR-Kombinats Mikroelektronik Erfurt produzierte das WF verschiedene Typen von Vakuum- und Elektronenröhren, Halbleiterteile und weitere mikroelektronische Komponenten. Im Jahr 1989 war es der größte Industriebetrieb in Ost-Berlin. 1990 wurde das WF in eine GmbH umgewandelt, die vollständig im Besitz der Treuhandanstalt war.

Nur wenige Monate nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der formellen Wiedervereinigung im Oktober 1990 wurden mehrere Tausend Beschäftigte entlassen; das WF hatte seinen Marktanteil in Osteuropa an neue Wettbewerber auf dem offenen globalen Elektronikmarkt verloren. Die Mengen pro Produkt, die das WF in der Comecon-Ära produziert hatte, waren auf dem Weltmarkt preislich nicht wettbewerbsfähig. Bis 1992 wurde die Zahl der Beschäftigten um fast 90 % reduziert: von etwa 9.000 auf rund 1.000. Die meisten Teile des WF wurden stillgelegt. Nur die Farbbildröhrenproduktion blieb als größere Einheit erhalten, weil sie mit Hilfe hoher Subventionen an Samsung verkauft wurde. Der koreanische Großkonzern produzierte diese Röhren in Berlin noch bis 2005, als die Technologie durch LCD- und Plasmabildschirme abgelöst wurde. Anstatt große Summen in die Entwicklung neuer Geräte in Berlin zu investieren, verlagerte Samsung die Produktion von Fernsehgeräten in Europa nach Ungarn und profitierte von den niedrigeren Lohnkosten.

Zusammenbruch der Situation der Arbeitnehmenden

Diese Massenentlassungen brachten enorme Schwierigkeiten für die Beschäftigten von WF mit sich, die bis zu diesem Zeitpunkt sehr stabile Arbeitsplätze in einem großen Unternehmen hatten, das die Mitarbeitenden rundum versorgte. Vor dem Zusammenbruch der Volkswirtschaft hatten sie damit gerechnet, bis zu ihrer Pensionierung in diesen sicheren Positionen zu bleiben. Die Verfassung der DDR sah ein Recht auf Arbeit vor, und der Bedarf an Arbeitskräften war hoch, teils wegen der ständigen Abwanderung von Arbeitskräften in den Westen, teils wegen der ineffizienten, arbeitsintensiven Produktionstechnik. Die DDR-Betriebe garantierten lebenslange Karrieren und boten zusätzliche, gesellschaftlich erwünschte, aber für die Existenz des Unternehmens nicht notwendige Leistungen wie Wohnraum für die Beschäftigten, Kinderbetreuung, Gesundheitsfürsorge und andere öffentliche Dienstleistungen. Sobald jedoch die neuen privaten Eigentümer*innen begannen, die Aufgaben des Unternehmens und die Zahl der Beschäftigten auf das rentabelste Maß zu reduzieren, erlebten die WF-Beschäftigten, was es in der ehemaligen DDR nicht gegeben hatte: Arbeitslosigkeit.

Die Entlassenen waren von heute auf morgen gezwungen, ‚ihre Arbeitskraft als Ware auf den Markt zu bringen‘.K. Marx, „Das Kapital“ Band 1, Progress Publishers, 1954, S. 174. Der entstandene Arbeitsmarkt hatte jedoch nur eine sehr begrenzte Aufnahmekapazität, denn eine große Zahl ostdeutscher Unternehmen hatte unter Massenentlassungen zu leiden. In Berlin wuchs die Zahl der gemeldeten Arbeitssuchenden in nur zwei Jahren (1991) von 0 auf 196.100 und stieg bis 2004 auf 383.200 an.Berlin-Brandenburg, Amt für Statistik, „1990-2010 Berlin und Brandenburg: Erwerbslosigkeit“, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg, (1), 2011, S.38.

Beschäftigte des VEB Werks für Fernsehelektronik, 1971. Bild aus dem Deutschen Bundesarchiv via Wikimedia Commons

 Angesichts dieses angespannten Arbeitsmarktes ist es sehr verständlich, dass viele ältere WF-Mitarbeitende, wann immer möglich, von Vorruhestandsangeboten Gebrauch machten. Für jüngere, gut ausgebildete, männliche Arbeitnehmer eröffneten sich bestimmte Beschäftigungsmöglichkeiten. Schwieriger gestaltete sich der Arbeitsmarkt für die mittlere Altersgruppe, die zu jung für den Vorruhestand, aber oft zu alt für die wenigen verbleibenden Arbeitsplätze war. Frauen waren besonders stark betroffen. Samsung beispielsweise suchte 1993 in einem Stellenangebot in der Berliner Zeitung ‚männliche Arbeitskräfte bis 35 Jahre … zum sofortigen Eintritt‘.Berliner Zeitung, 9./10. 10. 1993. (Übersetzung von D.St.)

Crashkurse in Marktwirtschaft

Für eine kleine Anzahl ehemaliger WF-Ingenieur*innen schien die Gründung eines eigenen Unternehmens eine vielversprechendere Option zu sein als die Arbeitslosigkeit, auch wenn dies eher ein letzter Ausweg war als eine Gelegenheit, von der sie geträumt hatten. In kürzlich durchgeführten qualitativen Interviews gaben sie an, dass ihr Hauptziel eher darin bestand, ‚die Forschung am Laufen zu halten und das in ihren WF-Abteilungen entwickelte Know-how zu nutzen‘, als reiche und erfolgreiche Geschäftsleute zu werden. Diese ehemaligen Abteilungsleiter*innen fühlten sich auch dafür verantwortlich, dass ihre Mitarbeitenden weiter arbeiten konnten. In einem dieser Unternehmensprojekte hatten 7 von 10 Gründungsmitgliedern, ehemalige WF-Mitarbeitende, Ehepartner*innen, die bei der Gründung des Unternehmens im Jahr 1990 ebenfalls von plötzlicher Arbeitslosigkeit betroffen waren.

Abgesehen von dem einen großen Privatisierungsgeschäft mit Samsung wurden im Rahmen von mehr als einem Dutzend Management-Buy-Out-Initiativen kleine Unternehmen mit anfänglich 5 bis 40 Beschäftigten gegründet, von denen einige noch heute im Geschäft sind. Silicon Sensor, eines dieser neuen Unternehmen, schaffte 1999 sogar den Börsengang in Frankfurt.

Diese unternehmerischen Erfolge sind nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, mit welchen Startbedingungen diese WF-Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen 1990 zu kämpfen hatten. Erstens besaßen sie kein nennenswertes privates Kapital, das sie in ihre Geschäftsprojekte investieren konnten. Die Anhäufung von privatem Kapital war kein wichtiges Ziel, da die Möglichkeiten, es zu nutzen, sehr begrenzt waren. Stattdessen verließen sie sich fast ausschließlich auf Bankkredite und öffentliche Subventionen. Diese Kredite waren schwer zu bekommen, da die Banken vorsichtig waren, wenn es darum ging, Menschen ohne Erfahrung in der Marktwirtschaft Geld zu leihen. Und die öffentlichen Zuschüsse waren häufig an eine zusätzliche Finanzierung durch die Banken gebunden. So mussten diese Unternehmer*innen notgedrungen jeden Finanzierungspartner davon überzeugen, dass die anderen bereits an Bord waren, auch wenn das oft noch nicht der Fall war.

Zweitens waren zu Beginn keine Anlagen, Maschinen oder Gewerbeimmobilien vorhanden. Zwar konnten die verbliebenen WF-Gebäude zunächst für 1-3 Jahre angemietet werden, doch war dies keine Erleichterung, da die Banken in der Regel langfristige Mietverträge verlangten, bevor sie Investitionskredite gewährten. Die Ausrüstung wurde meist direkt aus WF-Restbeständen gebraucht gekauft oder improvisiert. Ein Projekt beispielsweise baute seine Reinraumstrukturen zum Teil aus IKEA-Küchenmöbeln, Jahrzehnte bevor der schwedische Möbelhändler Unternehmen als wichtige Kundengruppe entdeckte. Das in der sozialistischen Mangelwirtschaft der DDR erworbene Talent, aus wenig das Beste zu machen, gepaart mit einer Do-it-yourself-Mentalität und einem bescheidenen Lebensstil, half bei der Unternehmensgründung unter widrigen Bedingungen.

Die neuen Unternehmer*innen mussten auch lernen, wie in einer kapitalistischen Marktgesellschaft Geschäfte gemacht werden. Sie mussten schnell einen ‚wirtschaftlichen Habitus‘ entwickeln,P. Bourdieu, Pierre: „Making the economic habitus“. In: Ethnography, 1(1), 2000, S.17-41: 17. denn 30 Jahre Leben in einem ‚sowjetischen‘ Regime hatten Spuren in Form von Dispositionen, mentalen Gewohnheiten und Interessen hinterlassen.P. Bourdieu, „Revolutionen, Volk und intellektuelle Hybris. Ein Gespräch mit Armin Hoher und Klaas Jarchow“, Freibeuter, 49(4), 1991, S. 27-34: 31.Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb in seinen Studien über die Kabylei in Algerien in den 1960er Jahren eine ‚Diskrepanz zwischen den wirtschaftlichen Dispositionen, die in einer vorkapitalistischen Wirtschaft entwickelt wurden, und dem wirtschaftlichen Kosmos, der durch die Kolonisierung importiert und aufgezwungen wurde, oft auf brutalste Weise.‘ P. Bourdieu, Economic habitus, 18.Nicht umsonst wurde die Integration Ostdeutschlands in die Strukturen Westdeutschlands von mehreren Autoren als eine Form der ‚Kolonisierung‘W. Dümcke und F. Vilmar (Hrsg.), „Kolonialisierung der DDR“, Agenda, 1995. oder ‚freundlichen Übernahme‚‘A. Goedicke, „A ‚Ready-Made-State‘. The Mode of Institutional Transition in East Germany After 1989“, in: M. Diewald, A. Goedicke and K. U. Mayer (ed.s), „After the Fall of the Wall. Life Courses in the Transformation of East Germany“, Stanford University Press, 2006, S. 44.bezeichnet, da die rechtlichen und wirtschaftlichen Regeln und Normen der Bundesrepublik Deutschland mehr oder weniger unverändert auf das erweiterte Gebiet übertragen wurden.

Ehemalige WF-Beschäftigte erlebten das, was Bourdieu in seinen späteren Schriften als ‚Hysterese‘ bezeichnete: eine Fehlanpassung, die durch die Tendenz zur Persistenz des Habitus und ein sich rasch veränderndes Feld verursacht wird. Der Habitus, der sich über Jahrzehnte entwickelt hatte und perfekt in das Feld eines großen staatlichen Unternehmens in der DDR passte, verlor seine Fähigkeit, viele Aspekte des Lebens nach 1989 unbewusst zu bewältigen. Die Situation glich der von Eingewanderten in einem neuen Land, mit dem bedeutenden Unterschied, dass die WF-Mitarbeiter*innen sich nicht dafür entschieden, ihren Herkunftsort zu verlassen. Ostdeutsche wurden zu ‚Eingewanderten im eigenen Land‘ und erlebten einen ‚ungeplanten Wechsel des Staatsbürgerschaftsstatus‘, ohne viel Zeit für die notwendige persönliche Planung und Vorbereitung zu haben. F. Kupferberg, „Transformation as Biographical Experience. Personal Destinies of East Berlin Graduates before and after Unification“. In: Acta Sociologica, 41(3), 1998, pp: 243-267: 246.

Die befragten Unternehmer*innen berichteten, dass sie keine Vorkenntnisse über Marketing und Verkauf hatten und sich schnell ein Verständnis für ein bestimmtes Geschäftsverhalten aneignen mussten. Sie mussten lernen, dass es bei Treffen mit potenziellen Kund*innen oder Gläubiger*innen auf elegante Anzüge und prestigeträchtige Autos ankommt. Gute Produktqualität allein reichte nicht mehr aus, um die Auftragsbücher zu füllen. Ein Unternehmer, der promovierter Physiker war, erzählte, dass er sich drei betriebswirtschaftliche Lehrbücher kaufte und abends las, um sich nach den technischen Aufgaben des Tages das notwendige Wissen über Kostenrechnung und Kalkulation anzueignen. Aber die Mentalität der Westdeutschen blieb ihm ein größeres Rätsel:

‚Ich konnte die Wessis nicht verstehen. Betriebswirtschaft kann man lernen, das ist nicht das Problem. Aber Verkauf – etwas von Ingenieur zu Ingenieur zu erklären, war okay, aber mit Wirtschaftswissenschaftler*innen zu sprechen und wie man verkauft und so weiter, das war ein Problem‘ (Interview G1, Abs. 40; Übersetzung durch den Autor).

Ein anderer Unternehmer, der einen Abschluss in Informatik hat und eine WF-Abteilung mit mehr als 100 Mitarbeitenden leitete, äußerte ähnliche Schwierigkeiten:

‚1990 begannen wir, mit Wiederverkäufer*innen zu sprechen und erklärten ihnen die Sensoren, die wir herstellen wollten. Das war einer der ersten Schritte, die wir unternahmen, um eine Vorstellung von den Mechanismen zu bekommen. Sie müssen sich vorstellen, dass wir die Marktwirtschaft nicht aus eigener Erfahrung kannten. Wir kamen ja auch nicht aus dem Nirgendwo. Wir konnten die Fachliteratur lesen. Aber der praktische Teil des Handels, davon hatten wir keine Ahnung. Preisbildung, Buchführung, Rechnungswesen und so weiter.‘ (Interview G2, Abs. 60, Übersetzung durch den Autor)

Ostdeutsche mussten schnell die Regeln und Normen der westdeutschen Marktwirtschaft und Marktgesellschaft erlernen, wenn sie ihre berufliche Laufbahn fortsetzen oder kommerzielle Projekte starten wollten. Wirtschaftliche Dispositionen müssen in ihrem historischen Kontext gesehen werden, da jede Wirtschaftsperiode oder jedes Umfeld auf anderen Prinzipien beruht.Bourdieu, Economic habitus, 18. Es muss ein Spielgefühl für das neue Spielfeld entwickelt werden. Die Ostdeutschen mussten ‚den Markt‘ lernen und den Habitus des homo oeconomicus – des stets kalkulierenden Menschen – verinnerlichen. Diese Anpassung war aufgrund der raschen deutschen Wiedervereinigung nicht vorhersehbar und musste ohne Verzögerung und Lernphase vollzogen werden: Zwischen dem Fall der Berliner Mauer (9. November 1989) und dem Einigungsvertrag (3. Oktober 1990) war nicht einmal ein Jahr vergangen.

 

Dieser Artikel wurde im Rahmen des Jugendprojekts „Vom Wissen der Jungen. Wissenschaftskommunikation mit jungen Erwachsenen in Kriegszeiten“ veröffentlicht, gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien.

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